Andachten zum Monatsschluss

Monatsschlussandacht = Andacht zu Reminiszere

„Glaube – Unglaube – Zweifel."

Nichts davon ist mir als Pfarrer fremd.

Frank Thomaschewski

Musik: Christoph Hamburger

Fotograf: Tomas Riehle

MUSIK: Choralvorspiel zu eg 381

VOTUM

Im Namen Gottes, der uns begegnet als
Vater, Sohn und Heilige Geistkraft.
Amen.
Unsere Hilfe finden wir bei Gott,
der Himmel und Erde gemacht hat.

THEMA

Die diesjährigen Monatsschlussandachten in Berghofen stehen unter dem Oberthema: „Glaube und Unglaube im Gespräch“. Auch am Sonntag Reminiszere, dem zweiten Sonntag der Passionszeit, geht es in den Gleichnissen vom Weinberg um die Frage nach Glauben oder Unglauben.

Was hat die Thematik eigentlich mit mir als Pfarrer zu tun? Man sollte doch davon ausgehen, dass ein Pfarrer jederzeit fest im Glauben steht. Keine Sorge – es gibt keine Veranlassung, mich als ungläubig zu outen. Aber Unglaube und Zweifel sind mit durchaus nicht fremd.

Darüber möchte ich heute erzählen.

LESUNG aus Psalm 22 (Basisbibel)

»Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?«
Fern ist meine Rettung,
ungehört verhallt mein Hilfeschrei.
»Mein Gott«, rufe ich am Tag,
doch Antwort gibst du mir nicht.
Und ich rufe in der Nacht,
doch Ruhe finde ich nicht.
Ich fühle mich wie ausgeschüttetes Wasser.
Ich habe keine Gewalt mehr über meine Glieder.
Mein Lebensmut ist weich wie Wachs,
dahingeschmolzen in meinem Innern.
Trocken wie eine Tonscherbe ist meine Kehle
und die Zunge klebt mir am Gaumen.
Doch du, Herr, bleib nicht fern von mir!
Du bist meine Stärke, hilf mir schnell!
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Hl. Geist.
Wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit 
und in Ewigkeit. Amen.

GEBET

Großer Gott. 
Ja, groß bist du und hoch erhaben.
Manchmal bist du mir zu hoch.
Manchmal habe ich Mühe, dich zu begreifen.
Manchmal möchte ich wie der Vater des epileptischen 
Kindes, der Jesus um Hilfe anfleht, rufen:
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Und dann ist mir manchmal auch wieder alles klar.
Keine Fragen. Keine Zweifel. Nur Vertrauen.
„Machen“ kann ich das nicht. 
Ich kann es nur aus deiner Hand empfangen. 
Dafür danke ich dir und bitte dich:
Schenke mir immer wieder diesen Glauben, 
dieses Vertrauen. 
Und lass mich sorgsam mit diesem Geschenk umgehen.
Amen.

TEXT UND MUSIK: eg 381

Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
So sang einst König David, hörtest du ihn?
So schrie einst König David, halfest du ihm?
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Gott, mein Gott, warum gibst du keine Antwort?
So sang einst König David, so klage auch ich,
ein Schatten und kein Mensch mehr; ferne bist du.
Gott, mein Gott, warum gibst du keine Antwort?
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
So schrie der Welten Christus, blutend am Kreuz,
ein Spott den Leuten allen, hörtest du ihn?
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Gott, mein Gott, warum gibst du keine Antwort?
So rufe ich mit David höre auf uns!
Du hörtest doch auf Christus, schreiend am Kreuz?
Gott, mein Gott, stärke meinen armen Glauben.

Friedemann Gottschick

STATEMENT I – „Unglaube ist mir nicht fremd“

Auch Pfarrer haben ja mal klein angefangen. Seit 1970 habe ich im Kinderchor meiner Heimatgemeinde gesungen und habe nach einiger Zeit auch in der Gemeindebücherei mitgeholfen. Dann kam Mitte der 70er Jahre der Konfirmandenunterricht, an den ich keine guten Erinnerungen habe. Der Unterricht bestand ausschließlich im Auswendiglernen von Luthers Katechismus (mit Erklärungen!) und vielen Gesangbuchliedern aus dem damaligen Evangelischen Kirchengesangbuch. Im Vorstellungsgottesdienst haben wir portionsweise den Katechismus aufgesagt. Meine „Portion“ war die Erklärung zum zweiten Glaubensartikel:

Was ist das?
Ich glaube, dass Jesus Christus,
wahrhaftiger Gott 
vom Vater in Ewigkeit geboren
und auch wahrhaftiger Mensch 
von der Jungfrau Maria geboren,
sei mein Herr,
der mich verlornen und verdammten Menschen 
erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden…

Konfirmationssprüche konnten wir uns damals noch nicht selbst aussuchen. Ich erhielt den Spruch aus Hebräer 13,9:

Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, 
welches geschieht durch Gnade.

Weder mit der Erklärung Luthers zum 2. Glaubensartikel noch mit meinem Spruch konnte ich etwas anfangen. Ich wurde eher aus der Kirche heraus als in sie hinein konfirmiert. So habe ich – Skandal! – nach meiner Konfirmation auch rasch den Religionsunterricht abgewählt. Durch Chor und Bücherei war ich meiner Gemeinde zwar noch verbunden, aber inhaltlich hatte ich erst einmal abgeschlossen. In der Oberstufe habe ich dann wieder am Religionsunterricht, aber auch am Philosophieunterricht teilgenommen und dort wieder Zugang zum Glauben gefunden. Seitdem weiß ich, dass es wichtig ist, den Glauben so zu vermitteln, dass er sich nicht im Auswendiglernen von vorgegebenen Glaubenszeugnissen erschöpft. Die Spuren unserer Vorgängerinnen und Vorgänger im Glauben sind wichtig. Aber eigene Erfahrungen zu machen, die auch dem Anspruch aufgeklärten Denkens genügen, halte ich für äußerst wichtig. 

Mit meinem Konfirmationsspruch habe ich mich ausgesöhnt. Viel mehr aber hat mir noch mein Taufspruch geholfen, der für mich im Zentrum meines Glaubens steht. Es ist aus dem 1. Johannesbrief in Kapitel 4 der Vers 16:

Gott ist die Liebe; 
und wer in der Liebe bleibt, 
der bleibt in Gott und Gott in ihm.

MUSIK UND TEXT: eg 382

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und lass mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

Lothar Zenetti nach Huub Oosterhuis

STATEMENT II – „Zweifel sind mir nicht fremd“

Wer fest im Glauben steht, darf keine Zweifel haben! Oder doch? Ist nicht eine starre Unerschütterlichkeit weltfremd? Ich muss zugeben: Zweifel sind mir auch nicht fremd. Ich habe sie, wie gesagt, in meiner Jugend gehabt, aber in mancher Situation stellt sich ja doch die Frage, ob all das, was wir erleben, immer im Sinne Gottes ist und warum er das Leid und Elend dieser Welt zulässt. Ist Gott wirklich mit seinem Segen immer da? Behütet er mich tatsächlich vor allem Übel? Erlebe ich nicht oft genug, dass er mir fern erscheint? Erlebe ich das nicht noch öfter bei anderen?

Ich glaube, dass Zweifel immer auch zu einem lebendigen Glauben gehört. Zweifel, das ist Ringen um den richtigen Weg, um das richtige Verständnis. Das ist ernsthafte Auseinandersetzung mit den wichtigen Dingen zwischen Himmel und Erde. Der Zweifler, so sagt es der Theologie Paul Tillich, ist schon auf dem Weg zu Rechtfertigung. Wem es ernst ist mit dem Ringen um das richtige Verhältnis zu Gott, der ist schon auf dem richtigen Weg. Vielleicht ist er noch nicht angekommen, aber wer wäre das schon? Wir sind alle auf dem Weg. Mal sind wir weiter vorn, mal fallen wir zurück. Aber alles ist in Ordnung, solange wir auf dem Weg sind.

Von dem Weg singt auch das „Wallfahrtslied“ Psalm 130.

SCHRIFTLESUNG: Psalm 130 (Neue Genfer Übersetzung)

Ein Wallfahrtslied, gesungen auf dem Weg hinauf nach Jerusalem.

Aus der Tiefe schreie ich zu dir, Herr! Herr, höre meine Stimme, schenk meinem lauten Flehen ein offenes Ohr!

Wenn du, Herr, die Sünden anrechnen willst – wer kann dann noch vor dir bestehen, o Herr?

Doch bei dir gibt es Vergebung, damit die Menschen dir in Ehrfurcht begegnen.

Ich hoffe auf den Herrn, ja, aus tiefster Seele hoffe ich auf ihn. Ich warte auf sein ´rettendes` Wort.

Von ganzem Herzen sehne ich mich nach dem Herrn – mehr als die Wächter sich nach dem Morgen sehnen, ja, mehr als die Wächter nach dem Morgen!

Israel, hoffe auf den Herrn! Denn der Herr ist voll Gnade und immer wieder bereit, uns zu erlösen. Er allein wird Israel erlösen von allen seinen Sünden.

MEDITATION ZUR SCHRIFTLESUNG:

Mehr als die Wächter nach dem Morgen sich nach Gott sehnen:

Wer wird wachen mit den Verzweifelten?
Wer wird wachen mit Unruhigen?
Wer wird wachen mit den Seelensuchenden?
Wer wird wachen mit den Angefochtenen?
Wer wird wachen mit den Trostlosen?
Wer wird wachen mit den Noch-Nicht-Fertigen?
Wer wird wachen mit den Unabgeschlossenen?
Wer wird wachen mit den Schmerzerfüllten?
Wer wird wachen mit den Ohnmächtigen?
Wer wird wachen mit den Zweifelnden und Glaubensfernen?

Wenn der Schimmer des Morgens um die Erde geht, werden die Tore offen stehen, die Festungen des Glaubens sind gefallen, in der Offenheit seines Zweifels erhebt sich der gerechtfertigte Mensch und mit ihm eine Kirche, die nichts mehr als das Menschliche sucht.

Wenn der Schimmer des Morgens um die Erde geht, werden die Tore offen stehen, und die Kirche verfügt über keine Mitte mehr, nur noch Übergange im Rund des offenen Gottes, der die Kreise der Gewalt, der fertigen Antworten, der überschätzten Werte, der abgeladenen Sehnsüchte, der bequemen Verschiebungen und Gewohnheiten, der „Versorge-mich“-Haltungen, und aller verdrängten Zweifel überwunden hat. ´

Wenn der Schimmer des Morgens um die Erde geht, werden die Tore offen stehen, Menschen werden aufbrechen, die sich mit Menscheneinsatz ins Geheimnis wagen und das Leben selig preisen.

Das wird Kirche heißen.

(nach Psalm 130 / eg 266.3 / Offenbarung des Johannes 21,25 / Ernst Bloch, Religion im Erbe, hrsg. von Jürgen Moltmann, Siebenstern Taschenbuch1967, S. 134)

MUSIK: Choralvorspiel und Melodie eg 383

STATEMENT III: „Glaube ist mir nicht fremd – er ist ein Geschenk“

Ja, ich glaube an Gott. An den dreieinigen Gott – auch wenn das schon wieder ein Punkt ist, an dem viele zweifeln und verzweifeln. Aber das ist ein anderes Thema.

Dieser Glaube ist kein Verdienst. Den habe ich nicht „gemacht“ – er wurde, nein er wird mir immer wieder geschenkt. Ich darf mich darauf einlassen. Auf das Ver-trauen in den, der die Welt und uns geschaffen hat, der uns den Weg der Liebe gezeigt hat, der uns diese Liebe schenkt, damit wir auf dieser Grundlage unser Leben gestalten. Also auf Vater, Sohn und Heilige Geistkraft. Der Glaube ist ein Geschenk. Ich darf meine leeren Hände ausstrecken und darauf vertrauen, dass Gott sie mir füllt. Mit Glauben, mit Hoffnung, mit Liebe.

Glauben ist für mich nicht ein Nachbeten alter Glaubenssätze – obwohl ich selbstverständlich auch an alten Glaubenssätzen festhalte. Es ist das Wissen um das Geborgensein in Gottes Liebe. Es ist die Hoffnung darauf, dass Gottes Segen immer bei mir sein wird. Das heißt für mich nicht, dass mir und meinen Lieben nichts Negatives zustoßen kann. Aber gerade in den finsteren Tälern des Lebens ist Gott bei mir und gibt mir neue Kraft.

Gottes Liebe ist die Quelle unseres Lebens, ist der Wegweiser für unser Leben, ist die Kraft, mit der wir den Weg gehen.

Das ist meine Überzeugung, das steht im Zentrum meines Glaubens. Vielleicht liegt das an meinem Taufspruch.

Dass ich zu dieser Einsicht gelangt bin, verbinde ich mit meinem Konfirmationsspruch, mit dem ich mich dann doch ausgesöhnt habe. Der Glaube ist in mein Herz eingedrungen, hat es gestärkt. Und das ist Gnade, das ist Geschenk Gottes.

TEXT UND MUSIK: eg 383

Herr, du hast mich angerührt

Herr, du hast mich angerührt.
Lange lag ich krank danieder,
aber nun – die Seele spürt:
Alte Kräfte kehren wieder.
Neue Tage leuchten mir.
Gott, du lebst. Ich danke dir!
Dank für deinen Trost, o Herr,
Dank selbst für die schlimmen Stunden,
da im aufgewühlten Meer sinkend schon ich Halt gefunden.
Du hörst auch den stummen Schrei,
gehst im Dunkeln nicht vorbei.
Aus der Finsternis wird Tag.
Tau fällt, um das Land zu schmücken.
Sonne steigt und Lerchenschlag,
meinen Morgen zu beglücken.
Lobgesang durchströmt die Welt.
Du hast mich ins Licht gestellt.
Langer Nächte Unheilsschritt muss mich nun nicht mehr erschrecken.
Um mich her das Schöpfungslied soll sein Echo in mir wecken.
Neue Quellen öffnen sich.
Gott, du lebst. Ich lobe dich!

Jürgen Henkys nach Svein Ellingsen

FÜRBITTENGEBET

Guter Gott,

sei du mit allen Menschen,
seien sie uns nah oder fern,
vertraut oder fremd,
sympathisch oder unsympathisch,
seien sie gläubig, ungläubig oder zweifelnd.

Sei mit denen,
die Schwierigkeiten mit dem Glauben haben.
Baue ihnen Brücken hin zu dir
und lass sie wagen, diese Brücken zu betreten.

Sei mit den Zweifelnden und lass sie erfahren,
dass Zweifel auch Ausdruck ernsthafter Auseinandersetzung
mit den wichtigen Dingen zwischen Himmel und Erde
sein kann – und damit nicht weit entfernt vom Glauben.

Sei mit denen, die fest im Glauben stehen,
und hilf ihnen, dass sie dadurch nicht überheblich werden
und sich nicht einfach gemütlich zurücklehnen
mit dem Bewusstsein, sie „besäßen“ nun den Glauben
und müssten sich um nichts mehr bemühen.

Lass uns alle niemals vergessen,
dass der Glaube ein Geschenk und kein Verdienst ist.
Und dass wie ihn nicht „besitzen“ wie einen Gegenstand.
Wir müssen ihn uns immer wieder neu schenken lassen.
Um dieses Geschenk bitten wir dich für uns und für alle.

Amen

VATERUNSER

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

SEGEN

„Bewahre uns, Gott, wenn wir wachen,
behüte uns, wenn wir schlafen,
auf dass wir wachen mit Christus
und ruhen in Frieden.“

Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen.

MUSIK: Melodie eg 383