Andacht am 10. Oktober 2021

19. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrer Ralf Greth

Votum:

Im Namen Gottes, der uns begegnet als
Vater, Sohn und Heilige Geistkraft.
Amen.
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Wochenspruch:

Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jeremia 17,14)

Psalm 32,1-7:

Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind,
dem die Sünde bedeckt ist!
Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht
zurechnet, in dessen Geist kein Falsch ist!
Denn da ich es wollte verschweigen, verschmachteten
meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
Denn deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir,
dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird.

Darum bekannte ich dir meine Sünde, und meine
Schuld verhehlte ich nicht. Ich sprach: Ich will dem
Herrn meine Übertretungen bekennen.
Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde.
Deshalb werden alle Heiligen zu dir beten zur Zeit der
Angst; darum, wenn große Wasserfluten kommen,
werden sie nicht an sie gelangen.
Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten,
dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen
Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und
von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gebet:

Du, Gott, hast mich schon so manches Mal aus der
Bahn geworfen, mich gebremst in meinem alltäglichen
Laufen durch die Zeit. Durch eine Krankheit ist das mal
geschehen und durch äußere Umstände auch schon,
zuletzt durch die Corona-Pandemie. Anhalten, nicht
weiter können, nicht weiter wissen, innehalten, fühlen,
denken, warten.

Wo geht es hin? Wie geht es aus?
Auf dich schauen. Hoffen und Geduld erlernen. Eine
neue Aussicht finden und langsam darauf zugehen,
wieder in Bewegung kommen. Durch Jesus Christus,
deinen Sohn, unseren Bruder, der mit dir und der Heiligen
Geistkraft lebt und lebendig macht von Ewigkeit
zu Ewigkeit. Amen.

Gnadenzusage:

Der Herr wird’s vollenden um meinetwillen. Herr, deine
Güte ist ewig. Das Werk deiner Hände wollest du nicht
lassen. (Psalm 138,8)

Lesung aus Markus 2,1-12:

Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach
Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause
war. Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht
Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er
sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige, die brachten
zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und
da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der
Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben
es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er
zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir
vergeben.

Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in
ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer
kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte
alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst
dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr
solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten
zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben,
oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin?
Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat,
Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er
zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein
Bett und geh heim! Und er stand auf und nahm sogleich
sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie
sich alle entsetzten und Gott priesen und
sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Glaubensbekenntnis

Predigttext Jesaja 38,9-20:

Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er
krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war:
Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren,
zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.
Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den
Herrn, ja, den Herrn im Lande der Lebendigen, nicht
mehr schauen die Menschen, mit denen, die auf der Welt sind.

Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.
Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.
Tag und Nacht gibst du mich preis; bis zum Morgen
schreie ich um Hilfe; aber er zerbricht mir alle meine
Knochen wie ein Löwe; Tag und Nacht gibst du mich preis.
Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube.

Meine Augen sehen verlangend nach oben:
Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
Was soll ich reden und was ihm sagen?
Er hat’s getan!

Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele.
Herr, davon lebt man, und allein darin liegt meines Lebens Kraft:
Du lässt mich genesen und am Leben bleiben.
Siehe, um Trost war mir sehr bange.

Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,
dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine
Sünden hinter dich zurück.

Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt
dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht
auf deine Treue; sondern allein, die da leben, loben
dich so wie ich heute.

Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.
Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen
und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn!

Predigt:

Liebe Gemeinde!

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat uns weltweit ernüchternd die Verletzlichkeit des Lebens, die Zerbrechlichkeit unserer Welt, unsere eigene Endlichkeit vor Augen geführt. Wir wurden dadurch in eine teils tiefe Krise gestürzt, innezuhalten und uns zu besinnen auf das Wesentliche unseres Lebens, unser alltägliches Streben kritisch zu hinterfragen. Es kam mir vor wie in einem Zwischenraum, in dem wir entweder nur abwarten konnten, bis alles vorüber ist. Oder wir konnten die Zeit nutzen, um unser Leben zu reflektieren und nach Wegen zu suchen.
Ich erlaube mir dazu, von mir selbst zu erzählen. Zuerst war ich bestürzt und konnte gar nicht gleich begreifen, welches Ausmaß und welche Bedrohung sich ergeben hatte. Dann entstand erstmal eine Art Lähmung und Verunsicherung. Nichtstun sollte Leben retten. Isolation sollte der Gemeinschaft gut tun. Das erschien irrwitzig. Daraus ergab sich auch ein schwarzes Loch, in das alles hineinfiel, was mir an der Gemeindearbeit und Seelsorge so wichtig ist: einander zugewandte und einfühlsame Begegnung.
Es begann eine Phase, in der ich mich mit anderen auf die Suche machte nach Möglichkeiten und Alternativen. Vieles habe ich ausprobiert, vieles fand und finde ich noch immer wenig hilfreich. Besonders die digitalen Möglichkeiten sind ja in den Blick gekommen. Da gibt es tatsächlich tolle Ideen und Möglichkeiten. Geheilt ist damit allerdings längst nicht die Sehnsucht nach echter menschlich zugewandter Begegnung.
Was mich persönlich angeht, bin ich durch die Krise angeregt worden, erneut und ehrlich auszusortieren, was mir wirklich wichtig ist und was nicht, was ich wirklich gut kann und gerne mache und was ich besser bleiben lassen sollte, was ich verstärkt einüben und einbringen will und was ich vernachlässigen werde.
Ich bin froh, dass ich durch diese Unterbrechung, die uns die Pandemie beschert hat, zu manch neuen Erkenntnissen gefunden und manch alte Errungenschaften wiederentdeckt habe. Nicht, dass ich die Krise nachträglich herbeigesehnt hätte! Aber sie nutzen zu können, während ich sie nicht verhindern konnte, hat mir sehr geholfen.

König Hiskia war sehr krank. Das erfahren wir aus unserem Predigttext. Er war in eine tiefen Lebenskrise. Noch dazu war er in einer politischen Krise. Sein Land Juda war quasi komplett eingenommen durch den assyrischen König Sanherib und Jerusalem wurde belagert. Ein todkranker König und ein todkrankes Land liegen brach in tiefster Krise. Die Bevölkerung muss verzweifelt gewesen sein. Sie müssen ihre Zweifel gehabt haben an diesem König. Sie müssen auch ihre Zweifel gehabt haben an ihrem Gott.
Hiskia hat in dieser Krise seinen Weg gefunden. Er hat zu Gott gefunden. Er hat allein in ihm seine Rettung und Heilung gesucht und gefunden. Das hat seine Zeit gebraucht. Das hat sicherlich auch viel Geduld und banges und zugleich vertrauensvolles Hoffen gebraucht. Jedenfalls wurde Hiskia wieder gesund, geheilt, gerettet. Ebenso überraschend und rätselhaft machte sich der assyrische König plötzlich auf den Rückzug. Auch Jerusalem wurde gerettet. Mit der Stadt wurden natürlich auch die Menschen in dieser Stadt gerettet.
Was die Menschen in der Stadt glaubten und dachten, wissen wir nicht. Der Prophet Jesaja aber versuchte sie auf die Spur Gottes zu bringen. Jesaja verbreitete den Gesang und die Deutung des Geschehens, wie sie König Hiskia ausdrückte. Er beschreibt seine Krankheit als tiefe Krise. Er hat den Tod vor Augen. Er leidet nicht nur an der Krankheit selbst Er erkennt, dass er in der Krankheit vor allem auch an der Isolation leidet. Er kann nicht unter die Menschen gehen. Er kann seine Regierungsgeschäfte nicht erledigen. Er kann seiner Aufgabe und Verantwortung nicht nachkommen. Er ist zum Nichtstun verurteilt.
In dieser Tiefe erkennt er auch, dass Krankheit ein Vorgeschmack auf den Tod ist. Er fleht zu Gott, weil er als Toter Gott nicht mehr loben könne. Und dann erkennt er seine Heilung als Rettung, als Rückkehr ins Leben, als Gewährung weiterer Lebenszeit. Und er erkennt sie als Rückkehr in die Gemeinschaft, als Rückkehr zu Beziehungen, als Rückkehr auch zu Gott. Er fühlt sich wieder lebendig in seiner sozialen Gemeinschaft und in der Gottesbeziehung.
Wenn wir selbst krank sind, machen wir meist auch die Erfahrung, dass wir von Beziehungen ausgeschlossen sind. Deshalb sind ja auch Krankenbesuche oder zumindest Telefonate so wichtig. Sie helfen dem kranken Menschen aus seiner Isolation heraus. Umgekehrt sollten wir aber auch unsere Gesundheit nicht einfach nur als körperliche Unversehrtheit verstehen, sondern auch begreifen und zu schätzen wissen, dass sie uns Beziehungen und soziale Gemeinschaft ermöglicht.

Am Ende jedenfalls freut sich Hiskia und will singen und spielen, so lange er lebt. Dazu fordert er auch andere auf:
„Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn!“ Das hört sich an, als ob er sein eigenes Ende weiterhin im Blick hat und gerade deshalb den Wert der gewährten Lebenszeit so hoch schätzt. Es klingt fast so, als sei die geschenkte Genesung eine Unterbrechung des Sterbens.
Dieser Gesang von Hiskia ist für mich letztlich nicht nur die Aufzeichnung seines Weges durch eine tiefe Krise. Daraus höre ich auch viel Mut, im Leid nicht aufzugeben, sondern die Tiefe zu nutzen, immer wieder Gott zu suchen, die Beziehung zu ihm im Gebet aufrecht zu halten oder erneuern zu lassen. Er hat uns geschaffen. Er hält am Leben. Er ist der ewig Lebendige.
Amen.

Fürbittengebet:

Bring uns wieder in Bewegung, Gott.

Löse unsere Angst. Verleih unserer Hoffnung Flügel.

Lass uns dein Licht leuchten. Deine Nähe heilt.
Wir erbitten deine Nähe für Menschen, die sie so dringend brauchen.

Behüte die Kranken. Tröste die Sterbenden. Stärke denen die Rücken,
die sie pflegen. Beschütze die Kinder.

Wecke die Freude in den Traurigen. Gib Heimat denen,
die auf der Flucht sind. Beflügele die Phantasie

der Forscherinnen und Forscher. Heile deine gequälte

Schöpfung. Bewahre uns alle vor Hass und Gewalt.
Wir sagen dir in der Stille, um was wir dich bitten.

Behüte und bewahre uns, jetzt und zukünftig.

Vaterunser:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme,
dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns
von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Segen:

Der Herr segnet und behütet dich.
Der Herr lässt sein gutes Angesicht über dir leuchten
und ist dir gnädig.
Der Herr legt sein Angesicht auf dich und schenkt dir
seinen Frieden. Amen.