Andacht zum 16. Sonntag nach Trinitatis / Sonntag, 19. Sept. 2021

Pfarrerin Dr. Sabine Breithaupt-Schlak  

Votum

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Aus Psalm 68

Die Gerechten aber freuen sich und sind fröhlich vor Gott und freuen sich von Herzen.  

Gebet

Ewiger Gott, du bist nicht begrenzt auf Raum und Zeit: Begleite uns heraus aus verschlossenen Räumen, dass wir die Weite deiner Welt wahrnehmen und den Atem des Lebens entdecken in der Kraft deines Sohnes Jesus Christus. Amen

Bibeltext: Klagelieder 3,22-26.31-32

22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Gedanken zum Bibeltext

In einer Runde wird ein Lappen herumgegeben, ein Jammerlappen. Wer den hat, darf jammern. Eine Übung, die zum Jammern ermutigt. Eine Übung, die dazu anleitet, über das Jammern hinauszukommen. Jede und jeder in der Runde erzählt etwas anderes. Beim Jammern finden alle irgendetwas und das ist auch gut so. Was wir heute jammern nennen, wurde vor vielen Jahrhunderten vielleicht Klage genannt. Klar war damals, das Gegenüber ist Gott. Der Ort, wo die Klage, in einem doppelten Wortsinne, aufgehoben ist, ist Gott. Diese Dimension gilt es für uns neu ins Bewusstsein zu heben, damit wir uns im Jammern und Klagen nicht verlieren.

Klagelieder sind wertvoll. Wir können nicht alles herunterschlucken, wie man so sagt; oder, noch drastischer: Wir können nicht alles in uns hineinfressen. Menschen zerstören sich, wenn sie alles mit sich alleine ausmachen. Irgendwann kommt es doch aus uns hervor – und trifft womöglich Menschen, die gar nichts mit unserem Leid zu tun haben. Das vergiftet die Beziehungen, in denen wir leben. Der Prophet Jeremia hat nicht nur ein Buch über sein Tun und Reden hinterlassen, sondern auch Klagelieder. Darin spricht er einerseits vom Elend der Menschen, die aus ihrer Heimat, dem Land Israel und dem Jerusalemer Tempel, verschleppt wurden nach Babylon. Aber er bleibt dabei nicht stehen. Jeremia findet auch immer wieder große Worte des Erbarmens, das Gott seinem Volk zukommen lässt. In ihnen spricht Jeremia von der Hoffnung, dass Gottes Barmherzigkeit alle Morgen neu ist.

Wenig Erbarmen kennen die Außerirdischen im Film „Independence Day“, der am 19. September vor 25 Jahren in die Kinos kam. An einem Unabhängigkeitstag der USA, einem 4. Juli, werden die Hauptstadt Washington und andere Städte auf der Erde angegriffen. Der US-Präsident kann rechtzeitig ausgeflogen werden. Nach einigen Kämpfen wird das riesige Raumschiff der Außerirdischen zerstört und verglüht. Der Film „Independence Day“ war ein außergewöhnlicher Erfolg, wenngleich es viel Kritik daran gab, dass er die amerikanische Nation als eine Nation von Helden darstellt, Außerirdische aber nur als Verbrecher. Die Ängste von Menschen, einem blinden Schicksal ausgeliefert zu sein, spielen in diesem wie auch in vielen anderen Filmen eine große Rolle.

Menschen fürchten sich, nicht behütet zu sein. Das zeigt der Film, das erleben wir täglich.

Auch die Jüdinnen und Juden fürchteten sich, fern der Heimat und fern des Tempels zu sein, obwohl sich viele von ihnen in Babylon häuslich einrichten durften. Sie bauten Häuser und heirateten. Als sie nach Jahrzehnten wieder in ihre Heimat zurückdurften, werden etliche die Gelegenheit ausgeschlagen haben. Sie hatten in der Fremde ihr Heil gefunden und durften auch weit weg vom Tempel Gott anbeten. Die, die heimkehrten, bauten zuerst den Tempel wieder auf, um dort die Nähe Gottes fühlen zu können.

Diese Nähe Gottes bringt Jeremia zur Sprache, wenn er sagt: Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind.

Auch wenn wir uns fürchten sollten: Es droht uns kein Angriff aus dem All, Gottes Schöpfung bleibt unser Zuhause. Bewahren wir unser Zuhause mit allen unseren Kräften – und bringen wir Gott unser Lob, dass er sich unser erbarmt nach seiner großen Güte.

Martin Luther King (1929–1968) hat diese Hoffnung so in Worte gefasst: „Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“

Amen

Gebet

Du, unser Gott, wir beten für alle, denen nach einem Klagelied zumute ist. Für alle, die bekümmert sind, die sich Sorgen machen, die sich versöhnen wollen und noch nicht wissen, wie. Wir beten, dass sie Menschen erleben, die ihnen Mut machen. Dass sie neue Möglichkeiten entdecken, neue Chancen. Wir vertrauen darauf, dass du unsere Klagelieder hörst. Denn deine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und deine Hilfe ist groß.

Vater unser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Gott segne dich und behüte dich; Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen