Andacht zum 1. Sonntag in der Passionszeit – Invokavit

21. Februar 2021

Pfarrerin Dr. Sabine Breithaupt-Schlak

Votum

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Wochenspruch

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. (1. Johannes 3,8b)

Psalm

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

der spricht zu dem Herrn:

Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe,

(Psalm 91, i. Auswahl)

Gebet

Wenn wir vor uns selbst erschrecken, Gott, den Abgrund in uns erblicken, halte uns bei unserer rechten Hand – das bitten wir dich durch Jesus Christus, der mit dir und dem heiligen Geist das Gute in uns stärkt – heute, morgen, alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen

Lesung aus Johannes 13,21-30

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.

Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.

Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.

Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.

Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's?

Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe.

Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.

Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.

Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!

Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte.

Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.

Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus.

Und es war Nacht.

Glaubensbekenntnis

Auf diese Sätze haben sich die Christinnen und Christen der frühen Kirche geeinigt, um sich in ihrem Glauben zu vergewissern. Sie wurden über die Jahrhunderte weitergegeben und werden bis heute im Gottesdienst gemeinsam gesprochen.

Ich glaube an Gott, den Vater,

den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes,

des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen,

zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige christliche Kirche,

Gemeinschaft der Heiligen,

Vergebung der Sünden,

Auferstehung der Toten

und das ewige Leben.

Amen.

Predigt

„Und es war Nacht“. Keine laue Sommernacht mit Vollmond und Glühwürmchen. Keine Nacht der ersten Liebe. Nicht rauschende Ballnacht, durchzecht und durchtanzt. Diese Nacht hier ist kalt, finster, voller Rätsel.

„Nacht des Verrats“, genauer: Die Nacht, in der der Verrat angekündigt wird. Ständen diese Worte auf der Titelseite eines Buches, dann würden wir wohl nichts Religiöses erwarten. Eher einen Krimi oder ein Liebesdrama. Am grausamsten verraten wird man von der oder dem Geliebten. Der Zeitpunkt des Liebesverrats ist die Nacht. Oder mindestens ist es die Nacht, in der einen der Schmerz heimsucht. Verrat ist von Dauer. Man verschmerzt ihn nicht so leicht. Vergeben ja, vergessen nein, weiß der Volksmund über den Schmerz der Erinnerung. Die Zeit heilt alle Wunden, doch die Narben schmerzen noch lange. Die Erinnerung wird man nicht so leicht los. Und wenn es schlecht läuft, dann macht die Erinnerung den Verrat aus dem zeitlichen Abstand sogar noch beschämender. Das scheint bei Judas so ähnlich gewesen zu sein.

Und dennoch bleibt die Geschichte voller Rätsel.

Jesus kündigt Ungeheuerliches an. „Einer von euch wird mich verraten“. Und zurück aus der Runde tönt es nicht etwa: „Spinnst du?“- oder: „Was redest du denn da?“ Zurück weht das bange Gefühl der Freunde: „Meint er vielleicht mich?“ Keiner von den Jüngern schließt aus, dass er es sein könnte.

Und dann die Sache mit dem Liebling. Jesus hat einen Lieblingsjünger. Irritierend, wenn auch menschlich. So ist das halt. Ich hab‘ euch alle lieb, aber einen noch ein bisschen lieber? Darin liegt Konfliktpotenzial. Zumal der Lieblingsjünger ihm auch noch körperlich ganz nah kommt und an der Brust liegt. Ist das denn so ohne Weiteres in Ordnung? Keine Provokation? Müsste denn nicht wenigstens Jesus alle gleich liebhaben? Für Petrus scheint dies kein größeres Problem, er bittet den Lieblingsjünger um Vermittlung.

Auch das allerdings schon wieder komisch. Traut er sich nicht, selber zu fragen? Wie auch immer: Jesu Antwort ist nicht offen und gerade heraus: Judas!, sondern indirekt, über eine Geste. „Der ist‘s dem ich den Bissen eintauche und gebe“. So weit, so merkwürdig, finde ich. Kein lebendiges, aufgeregtes Gespräch mit aufgebrachten Stimmen und Rufen, sondern eher ein Theaterstück voll dunkler Symbolik.

Das soll so sein, vermute ich. Aber wie können wir dahinterkommen? „Damit die Schrift erfüllt würde“? Steck dahinter ein Plan? Judas, der die Auskunft Jesu ja ebenfalls gehört haben muss, nimmt den Brocken und isst. Und „nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn“. Wie der Blitz, als wenn da etwas einrastet. Armer Judas. „Was du tust, das tue bald“, hört er noch von Jesus. Nach ein paar peinlichen Missverständnissen geht er hinaus in die Nacht. Ein Verlorener.

Das Unheil nimmt jetzt seinen Lauf. Oder sollten wir besser sagen: das Heil nimmt seinen Lauf? Das ist es doch, was die Geschichte auch sagen will: das Heil, die Heilung, die Wende zum Guten nimmt ihren Lauf durch Unheil, Verrat und den Teufel persönlich. Vielleicht kennen Sie den Satz, dass Gott aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will? Ihren Gipfelpunkt findet diese schmerzliche Erkenntnis in der weiteren Nachtgeschichte, in der Jesus dann durch Judas verraten wird.

Steckt Judas in uns allen? Dunkle Seiten, böses Verlangen, wohl niemand von uns ist frei davon. Wir erinnern uns an Situationen in unserem Leben, in denen wir genau wussten, dass falsch ist, was wir tun – und wir haben es dennoch getan, wie fremdgesteuert und doch wir selbst. Das ist auch das Werk des Satans, dass er das Gutgemeinte und das Schlechtgetane so durcheinanderbringt, dass wir selber nicht wissen, was, ja wer wir eigentlich sind.

Heute ist Sonntag „Invokavit“. Anfang der Passionszeit, Anfang der Fastenzeit: Zeit der genaueren Betrachtung unseres Lebens, Zeit des Abstandnehmens für uns selbst und von uns selbst, um besser zu erkennen, wer wir sind. Wir stecken mittendrin in der Nacht und können nur Jesus folgen auf dem Weg, der heute beginnt. Können wir das? Wir können es nicht. Und können es doch wieder als Gast des Mahles, das uns bereitet ist und das wir hoffentlich am Ende der Passionszeit wieder gemeinsam feiern dürfen.

Christus reicht im Abendmahl auch uns den entlarvenden Bissen des Unheils und reicht uns zugleich den Kelch des Heils. Kein Bissen, der uns in eine ewige Nacht zwingt, sondern zum Bleiben bei ihm einlädt. Zum Bleiben in seiner Passion, die als geschenkte Zeit vor uns liegt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

Fürbittengebet

Gott, wir bitten dich für alle, die verraten werden. Heile du die Schmerzen. Zeige Wege zur Versöhnung.

Gott, zu dir können wir kommen, wie wir sind. Du kennst uns, auch mit unseren dunklen Seiten. Bewahre uns vor der Versuchung, andere zu verraten. Hilf uns zu einem wertschätzenden Umgang, der von Vertrauen geprägt ist.

Gott, wir bitten dich für alle Menschen, die unter ungerechten Systemen leiden, für Politikerinnen und Ökonomen, dass sie kluge Entscheidungen treffen.

Gott, im Vertrauen auf deine Treue bitten wir dich für Ärztinnen und Pfleger, dass sie ihren verantwortungsvollen Dienst ohne Schaden für sich und andere erfüllen.

Gott, wir vertrauen dir die Kinder an. Erhalte ihre Neugier auf die Welt. Hilf uns, ihnen ein Vorbild im Glauben und im Leben zu sein.

Gott, wir glauben, dass du stärker bist als der Tod. Hilf uns, dass wir diesen Glauben bewahren können, auch angesichts von Erfahrungen mit Sterben und Tod in unserem eigenen Umfeld.

Du hast uns Worte geschenkt, wenn uns Worte fehlen. So beten wir in deinem Namen:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Gott segne dich und behüte dich; Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen