Andacht am 29. August 2021 / 13. Sonntag nach Trinitatis

Thema: Auf dem Weg

Pfarrerin Sabine Breithaupt-Schlak

Votum

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Psalm 23

Der 23. Psalm „Der Herr ist mein Hirte“ ist einer der bekanntesten und beliebtesten Texte der Bibel. Viele Konfirmand*innen lernen ihn auswendig. Der Psalm spricht von Gott, der sich wie ein Hirte um das Wohl seiner Schafe kümmert.

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben
im Hause des Herrn immerdar.

Gedanken

„90 Prozent der Menschen in unseren Breiten haben Angst vor dem Urlaub, sind mit zu viel Freizeit einfach überfordert“, meint Ilse Fruhmann, Chefin des Hotels Stoderhof. Gerade deshalb hat sie sich zum Ziel gesetzt, den „ganz normalen Urlaub“ anzubieten. Sie wirbt mit Ruhe, Wiese und Österreich. Mit diesem Angebot gewinnt sie Gäste aus aller Welt.

Sie alle haben heute auch schon Wege hinter sich gebracht. Mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto. Im Urlaub oder im Alltag. Und vielleicht tragen Sie die Eindrücke Ihrer letzten Urlaubsreise noch im Herzen.

In der Bibel wird auch viel gereist, aber aus ganz anderen Gründen als normalerweise bei uns hier in Deutschland. Da gibt es zum Beispiel den Auftrag Gottes an Abraham, seines Vaters Haus und Land zu verlassen. Er soll in ein Land ziehen, das Gott ihm geben will. Gott verheißt ihm Segen, Nachkommenschaft und Land. So macht Abraham sich auf. Die Bibel erzählt auch von der Flucht als Grund, sich auf Reisen zu begeben. Die Flucht nach einer bösen Tat, die Flucht vor dem Hunger, die Flucht vor unschuldiger Verfolgung wie bei Jesus, dessen Eltern mit ihm vor Herodes nach Ägypten fliehen. Es gibt in der Bibel Handelsreisen, Verwandtschaftsbesuche. Wir erfahren von Wallfahrten und Pilgerreisen. Das Neue Testament ist voll von Missionsreisen, die schon damit beginnen, dass Jesus predigend und heilend übers Land zieht. Und immer wieder lesen wir von Reisen ins Gelobte Land, ein Reisen in der Hoffnung auf Zukunft und Segen. Aber Urlaubsreisen in unserem Sinne gibt es in der Bibel nicht, auch wenn Jesus mal frei macht und sich vor der heranstürmenden Menge mit all den Heilungsbedürftigen zurückzieht.

Eines der bekanntesten Lieder aus der Bibel, das Reiseerfahrungen zum Ausdruck bringt, ist der 23. Psalm. Das Lied ist nicht festgelegt auf eine bestimmte Situation. Es bündelt Erfahrungen von Urlaubsreisen und von unserer Lebensreise. Psalm 23 ist offen für viele Gelegenheiten, denen es Worte verleihen kann. So konnte der Psalm Jahrhunderte in Gedächtnissen, in Ohren und Herzen überdauern.

Der Sänger des 23. Psalms weiß, wie wichtig derjenige ist, der die Gruppe führt, den Weg und die Oasen kennt. Vielleicht hat er selbst die wandernden Vorfahren noch in den Knochen und auch die Angst, einen falschen Tritt zu machen oder sich zu verlaufen. Er weiß, wie gut es ist, mit den Füßen über frisches Gras zu gehen und sicher zu sein: Heute wirst du keinen Durst leiden müssen. Dunkle Schluchten machen ihm keine Angst, weil er weiß, wer dort wohnt. Den Duft des letzten Festessens hat er noch in der Nase. Oft schon hat er Öl zwischen seinen Händen verrieben, welch eine Wohltat muss es auf dem Kopf sein. In all diesen sinnlichen Erfahrungen findet er Bilder für seine Beziehung zu Gott. Er weiß, dass die Menschen um ihn herum diese Bilder verstehen. Sie teilen die Vorstellungen und den Glauben.

Ich kenne heute keinen Hirten mehr und ich vermute, dass es den meisten von Ihnen ähnlich geht. Und dennoch haben sich die Bilder des 23. Psalms bis heute weitergetragen und mit ihnen die Gefühle, die damit verbunden sind. Die Gedanken und Gefühle wandern durch die Sprachen, durch die Jahrhunderte, durch die Häuser und Kirchen. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Von Generation zu Generation wurden die Worte gelehrt und gelernt. Und Schicht für Schicht haben sich neue Bilder darübergelegt. Der eine sieht den Pfarrer vor sich, der ihn konfirmiert hat und wie er sich bemüht hat, die Worte auswendig zu lernen. Später hat er festgestellt, dass sie doch hängen geblieben sind und mit ihnen die Erinnerung an die Jugendzeit. Die andere erinnert sich an die Beerdigung des Vaters und dass sie kaum mitbeten konnte. Aber die Worte der anderen um sie herum berührten sie. Ich erlebe im Altenheim Menschen, denen die Erinnerung an vieles verloren gegangen ist und die trotzdem einstimmen können in die Worte „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück – denn du bist bei mir“. In Kirchen und Kammern, an Taufbecken und Grabstellen, helle Momente, auch da, wo sie im Dunklen leuchteten. Schicht um Schicht Lebenserfahrung.

Sie haben schon viele Wege hinter sich gebracht. Sie kennen jeden Weg, den Sie gegangen sind. Heute, gestern und all die Tage davor. Sie erinnern sich an schöne Plätze. Sie kennen die Kraftquellen. Aber Sie wissen auch um die Schatten, Sie haben sie ja erlebt und sich vielleicht gefürchtet, dort nicht mehr hinauszukommen. All das gab es auf Ihrem Lebensweg. Vielleicht haben Sie an der ein oder anderen Stelle gehört, gespürt und geglaubt: „Du bist bei mir.“

Sie werden weitergehen. Wir alle werden weitergehen. Ich bin sicher, es wird gute Strecken geben, auf den wir lieber tanzen als laufen werden. Ich fürchte, es werden uns auch die finstern Täler nicht erspart bleiben, die Dunkelheiten. Ich hoffe, dass ein Lied Sie begleitet: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“

Vielleicht fehlt Ihnen dann die Stimme, es selbst zu sprechen. Ich hoffe, dann gibt es andere, auf Sie hören können: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

Amen 

Vater unser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Gott segne dich und behüte dich; Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen