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Ungewohnte Gebete

Junge Menschen sprechen anders als alte Menschen. Und junge Menschen beten entsprechend auch anders als alte Menschen. Wir haben lange Zeit den Fehler gemacht, uns mit relativ starren Gebetsformeln zufrieden zu geben. Für "geübte" Beter ist das kein Problem; sie können die Worthülsen mit Leben füllen. Für "Anfänger", insbesondere junge Menschen, sind solche Gebetsformeln eine unüberwindliche Mauer. Sie erkennen in den Worten sich selbst nicht wieder, nicht ihre Wünsche und Bitten und auch nicht Gott.

 

Im folgenden finden Sie Gebete für Junge und für Alte, die, die gewohnten Formen verlassen, aber gerade dadurch vielleicht wieder ein Mitbeten ermöglichen.

 

In meinen Träumen bin ich anders

 

Mittelpunkt des Lebens,
die Wirklichkeit macht mir mit ihrer Härte,
ihrer bitteren Konsequenz schwer zu schaffen.
Die tägliche Plackerei,
der Anspruch an mich, lassen mir nur wenig Zeit zum Atem holen.
Disco und Freunde am Wochenende sind ein Ziel,
auf das sich die Woche nur langsam zu bewegt,
und der Frust zehrt ganz schön an den Nerven.
In solchen Minuten träume ich vor mich hin,
während meine Hände mechanisch arbeiten.
Ich tauche ab in die Welten meiner Träume.
Da kann ich Queen sein, meinen Wert beweisen,
da kann ich den Tanz perfekt hinlegen,
da küsst mich der Traumboy voller Hingabe,
und die Arbeit läuft, als sei ich nicht da.
Aber die Träume verblassen,
der Meister zeigt mir die Wirklichkeit,
von den Träumen bleibt nur die Sehnsucht.
Warum kann ich in einer Traumwelt leben,
dort alles umsetzen, was in mir drängt?
Diese Träume sind doch mehr als Schäume,
denn für kurze Zeit vermitteln sie mir Glück,
ein Glück, das den Alltag übertönt.
Hast du je von einer besseren Welt geträumt?
Hast du diese Welt auch vorher geträumt?
Für mich ist das Leben in meinen Träumen
so wichtig wie das Leben im Alltag.
Meine Möglichkeiten werden unendlich weit,
so dass ich dir ganz nahe sein kann.
Dieser Weg der Träume, der hinausführt
aus der Enge dieser Welt, lässt mich wachsen.
Und ich hoffe, dass du mir so zeigst,
was du auch in mich hineingelegt hast.
Amen.

 

Ich bin verliebt!

 

Urquell aller Liebe,
am liebsten würde ich es so laut heraus schreien,
dass jeder mich hört: Ich bin verliebt!
Es ist so, als ob die Welt neu geschaffen würde.
Weißt du, wie das ist, wenn man schwebt,
wenn von überall her nur Glücksgefühle kommen,
wenn die Gedanken sich wie ein nie endender Wirbel
um den einen drehen, der nun in mein Leben kam?
Niemand sonst weiß, wie schön dieses Gefühl ist.
Und ich platze vor innerer Energie,
eile von Minute zu Minute,
denn er kommt mir immer näher.
Und wenn ich ihn sehe; dann stockt mir der Atem,
dann sage ich mir: Das alles ist nur ein Traum.
Wenn er kommt, dann hält mich nichts mehr,
ich laufe über Straßen, springe über Gräben,
haste über Berge, wenn es sein muss.
Jede Minute mit ihm zählt doppelt, dreifach.
Alles andere ist aus meinen Gedanken verbannt.
Diese Liebe ist mehr, als ich je erlebt habe.
Sie wird die Welt verändern, wie sie mich verändert hat,
sie wird Licht in den Alltag aller bringen,
die mit mir zu tun haben,
denn auch meinen Tag hat sie mir mit Freude und Glück erfüllt.
Eltern, Freunde, Lehrer, Mitschüler, alle, alle sollen es sehen,
sie sollen hinschauen und sich mit uns freuen.
Heute ist ein so wunderbarer Tag.
Ich danke dir, dass es ihn gibt.
Amen.

 

Aus heiterem Himmel

 

Aus heiterem Himmel
schenkst Du mir,
Gott,
Dein Leben.
Ich gebe Dir meines dafür.
Meine paar Schluck Whisky.
Meine Zigarettenstummel.
Meine abgebrannten Streichhölzer.
Meine gefällten Bäume.
Meine gerodeten Wurzeln.
Meine versiegten Quellen.
Meine verwelkten Träume.
Meine Sackgassen.
Meine verkaufte Seele.
Mein verlorenes Herz.
Meine eingesperrten Gedanken.
Meine unerhörten Gebete.
Mein verspieltes Glück.
Aus heiterem Himmel schenkst Du mir,
Gott,
Dein Leben.
Ich gelb Dir meines dafür.
Was Du Dir dabei wohl gedacht hast?
Amen.

 

Gebet einer Äbtissin

 

Herr, du weißt, dass ich altere und bald alt sein werde.
Bewahre mich davor, dass ich schwatzhaft werde,
und vor der fatalen Angewohnheit, bei jeder Gelegenheit
und über jedes Thema mitreden zu wollen.
Befreie mich von der Einbildung,
ich müsse anderer Leute Angelegenheiten in Ordnung bringen.
Bei meinem ungeheuren Schatz an Erfahrung und Weisheit
ist es freilich ein Jammer,
nicht jedermann daran teilnehmen zu lassen.
Aber du weißt, Herr, dass ich am Ende ein paar Freunde brauche.
Ich wage nicht, dich um die Fähigkeit zu bitten,
die Klagen meiner Mitmenschen über ihre Leiden
mit nie versagender Teilnahme anzuhören.
Hilf mir nur, sie mit Geduld zu ertragen,
und versiegle meinen Mund,
wenn es sich um eigene Kümmernisse und Gebrechen handelt.
Sie nehmen zu mit den Jahren,
und meine Neigung, sie aufzuzählen, wächst mit ihnen.
Ich will dich auch nicht um ein besseres Gedächtnis bitten,
nur um etwas mehr Demut und weniger Selbstsicherheit,
wenn meine Erinnerung nicht mit der anderer übereinstimmt.
Schenke mir die wichtige Einsicht,
dass ich mich gelegentlich irren kann.
Hilf mir, einigermaßen milde zu bleiben.
Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine Heilige zu werden
(mit manchen von ihnen ist so schwer auszukommen).
Aber ein scharfes altes Weib ist eins der Meisterwerke des Teufels.
Mache mich teilnehmend, aber nicht sentimental,
hilfsbereit, aber nicht aufdringlich.
Gewähre mir, dass ich Gutes finde bei Leuten,
wo ich es nicht vermutet habe.
Und schenke mir, Herr, die Liebenswürdigkeit, es ihnen auch zu sagen.
Amen.